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Der Mann, den sie "Latscha" nannten

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Der Mann, den sie "Latscha" nannten

Roland Heimbüchner ist tot

Mein Handy piept beim Autofahren. Genervt greife ich danach. Ah, ne sms von meinem langjährigen Kumpel Bernd. Ich setze die Lesebrille auf und lese den Text, einmal, zweimal, dreimal. Nein, ich glaube es nicht, was ich da lese. Mein Namensvetter Roland Heimbüchner ist tot, Herzinfarkt vor dem Bremen-Spiel in der S-Bahn, gestern im Krankenhaus verstorben. Ich ringe um Fassung und fahre den nächsten Parkplatz an, damit ich das Steuer nicht verreiße.

Scannen0001.jpgIch lese nochmals die sms, aber der Text ist immer noch der gleiche. "Latscha ist tot".... "Das gibt es doch nicht, der ist doch nur unwesentlich älter als ich", durchfuhr es mich. Langsam erlange ich Gedankenklarheit zurück. Nein, er zählte nicht zu meinem engsten Freundeskreis. Aber wir kannten uns ... und vor allem sehr, sehr lange. Er zählte zu den ganz wenigen Personen, die ich bereits Anfang der Siebziger kannte und zu denen ich bis jetzt noch Kontakt hatte. Er gehörte zur Eintracht-Fan-Szene wie der Ebbelwoi nach Sachsenhausen. Egal ,wo man all die Jahre hinfuhr, er lief einem immer über den Weg und wenn man sich nicht unterhielt, so grüßte man sich doch von weitem, letztmals beim 0:1 in Rostock. Der Film der Erinnerung läuft an mir vorbei.

Obwohl "Latscha" schon seit 1965 zur Eintracht ging, fiel er mir erstmals 1974 auf beim Auswärtsspiel gegen Fortuna Köln (2:3). Der Eintracht-Fanclub "Die Adler" bestritt ein Fußballspiel gegen den Fan-Club der Fortuna und bekam keine elf Mann zusammen. Obwohl man von seinem fußballerischen Anti-Talent wusste, wurde "Latscha" (keine Ahnung, warum man ihn so nannte) bekniet, die Zahl der auflaufenden Spieler auf 11 zu ergänzen. Ich nahm am Spielfeldrand platz und schaute gespannt zu. Latscha rannte nicht über den Platz, nein, er trabte nicht mal. Er ging. Er hatte auch 90 Minuten fast (!) keinen Ballkontakt, war meist mehr als 15m vom Ball entfernt. Und dann....ein Gewusel im Strafraum der Kölner, Spieler und Tormann fallen unglücklich übereinander und behindern sich gegenseitig. Latscha steht so gut positioniert, dass er dem Ball mit der Stiefelspitze nur noch einen Schubs geben musste, damit er über die Torlinie rollte. Ich weiß nicht mehr, wie das Spiel ausging, aber dieses Tor muss ausschlaggebend gewesen sein nach dem euphorischen Jubel seiner Mitspieler zu urteilen. Nun kannte ich "Latscha".

Ich sah ihn nicht nur bei Pflichtspielen der Eintracht, sondern auch bei absolut sinnlosen Kicks, zu denen sonst kein Mensch fuhr, so z.B. 1978 beim 1:0-Freundschaftsspiel-Sieg bei der SpVgg Fürth. Ohne verabredet zu sein, reisten wir beide mit dem Zug an und begegneten uns erst vor Ort und unterhielten uns erstmals intensiver. Aha, seit 1965 ist er also schon dabei, hat Spiele gegen Borussia Neunkirchen gesehen und das Pokalspiel gegen Alsenborn. Ein ganz alter Haudegen also. Und sein ganz persönliches Trauma hatte er auch. Damals, 1966. Die Eintracht spielte bis zum letzten Spieltag um die Meisterschaft mit, war meist Zweiter hinter Braunschweig, dem späteren Meister. Gegen diese wurde das Heimspiel 0:1 verloren. "Ein Spiel auf ein Tor, 90 Minuten lag", resümierte Roland, und der Wolter, dieser Drecksack, hält wie ein Gott. Sechzig Eckbälle hatten wir und Chancen en masse...!" "Moment mal, 60 (?) Eckbälle, das gibt es doch gar nicht" entgegnete ich, da hätten wir ja alle anderthalb Minuten einen Eckball gehabt!" "Dooooooooch!! 60 Eckbälle, kein Witz!" so wurde ich mit hochrotem Kopf und wild gestikulierend belehrt, "und der Gerwien (Braunschweigs Nationalstürmer) schleicht verletzt über den Platz, hat 90 Minuten kein Ballkontakt und stolpert in der 68. Minute den Ball über die Linie, so was gibt es doch gar net!!!" "Doch, das gibt es" hielt ich entgegen, "ein Spieler vom Fan-Club "Adler" hat das 1974 in Köln genauso gemacht". Dies ließ in verstummen. Nach dem Spiel galt es, eine preiswerte Heimfahrmöglichkeit zu finden, da wir beide finanziell nicht auf Rosen gebettet waren. Ich schlug vor, zu trampen, mein Namensvetter hatte jedoch eine bessere Idee. "Weißte was, wir fragen einfach mal die Spieler, ob uns einer mitnimmt". "Das glaubst du doch selbst nicht" antwortete ich fassungslos. Aber er war nicht zu beirren, ging mit der ihm eigenen Selbstverständlichkeit auf den frisch geduschten Bernd Hölzenbein zu, der sich ohne zu zögern bereit erklärt, uns beide Langhaarige bis nach Frankfurt zurück zu fahren. Im gleichen Jahr gab es ein Spiel in Linz gegen Österreichs National-Mannschaft (0:2) mit Bruno Pezzey, der in der nächsten Saison zu uns wechseln sollte, Anlass genug, sich auch dieses Spiel nicht entgehen zu lassen. Wen ich dort an den Pforten des Linzer Stadions traf, muss ich wohl nicht erwähnen. Gemeinsam fuhren wir mit dem Zug zurück, plauderten aus dem Nähkästchen und arbeiteten Traumen auf. "Ja ja, 1966 im Spiel gegen Braunschweig, das war ein Ding, 60 Eckbälle und Wolter, dieser Drecksack, und dann der Gerwien in der 68. Minute..."


Die Jahre gingen im Fluge vorbei. Man lief sich immer mal über den Weg und redete ein wenig. Als ich selbst Pkw-Fahrer war, sprach er mich öfters nach dem Spiel an, ob ich ihn bis zum Frankfurter Hauptbahnhof mitnehmen könne, da sein Zug nach Hause erst um soundsoviel Uhr geht und er doch heim müsse zu seiner Mutter. Mit ihr lebte er sein Leben lang symbiotisch zusammen, kümmerte sich rührend um sie. Ihre Krankheit war auch einer der wenigen Veranlassungen, mal ein Auswärtsspiel nicht zu besuchen, wie er berichtete. Ansonsten war er immer dabei, seit 1968 kein Pflicht-Heimspiel mehr verpasst. Ja, diese Heimfahrten waren köstlich. Jeder trug seine Erinnerungsfragmente an die gute alte Zeit des Fan-Clubs "Adler" zu einem netten Small-Talk bei. "Kannste dich noch an den und den und den erinnern ( Lemmo, Rocky, Hofmann, Maier, Kleinhenz, Heine und wie sie alle hießen)? Der geht heute noch zur Eintracht, der gar nicht mehr und der und der ist schon tot...." Ja, und das Spiel gegen Braunschweig wurde auch wieder angewärmt, mit einer Emotionalität, mit der ich wohl am 17. Mai 1992 über den 16. Mai 1992 berichtet hätte, aber keinen Tag länger.... "Wolter, dieser Drecksack...."
Diese gemeinsamen Heimfahrten häuften sich Mitte der Neunziger, und ich schlug vor, er könne sich in Zukunft der Einfachheit halber unserer Fahrgemeinschaft anschließen (die erst 2001 aufgelöst wurde, da ich fortan mit zweisitzigen Kleintransportern fuhr). Gesagt getan. Er, meine Kumpels Bernd, Markus und ich machten jahrelang die Stadien der zweiten Liga unsicher und dann die der ersten. War die Tristesse auch noch so groß, die Plaudereien unter uns Fanveteranen machten doch jede Auswärtsfahrt sehr kurzweilig. "Latscha" wurde aufgrund seiner Wohnsitz-Nähe zum Böllenfalltor spaßeshalber als "Lilien-Präsident" betitelt, worauf er jegliches Sympathisantentum zu diesem Verein entrüstet verneinte. Derlei Scherz war hart an seiner Schmerzgrenze.

Seine Schilderungen über die Ereignisse der Sechziger hatten Kult-Status. Er konnte ohne Überlegen die Mannschaftsaufstellung runterbeten, mit der die Eintracht meist auflief: Kunter, Höfer, Blusch, Jusufi, Lutz, Friedrich, Grabowski, Huberts, Lotz, Lindner, Schämer, etc etc.. Auch das seinerzeitige Liedgut hatte er noch parat: "Und ist die Eintracht noch so sauer, wir brauchen keinen Beckenbauer, wir haben einen Ju-Ju-Jusufi! Was für´n Vieh? JUSUFI!" Aber er hatte noch ein weiteres Spezialgebiet: Die Geographie. Die höchsten Gipfel Asiens, die längsten Flüsse Europas, die Einwohnerzahl von mindestens 30 Metropolen der USA, die Flächenausdehnung der größten Länder der Welt... für ihn alles kein Problem...Alles Zahlenmaterial kam wie aus der Pistole geschossen. Weiß jemand, welche Staaten in Amerika, Afrika und Asien größer oder kleiner sind als die BRD? Bis vor zwei Wochen hätte man ihn noch fragen können, er hätte es gewusst.

Nun ist er nicht mehr unter uns, und ich werde es erst glauben, wenn ich Samstag zum Bochum-Spiel ins Stadion gehe und er nicht mehr am Treppenaufgang zu den Stehplätzen steht. Roland "Latscha" Heimbüchner, ein Original, das nie anstrebte, ein solches zu sein, lebt nicht mehr, Gaff sowie Willi gingen ihm voraus. Unsägliche Traurigkeit überkommt mich.... Aber auch Nachdenklichkeit, denn auch ich bin Jahrgang 1956 und längst nicht mehr so taufrisch.

Mach´s nun gut, lieber Namensvetter, und warte auf mich in der anderen Dimension, denn ich wollte doch schon immer mal wissen, wie es seinerzeit war..., 1966 beim Heimspiel gegen Braunschweig... bei dem Spiel warst du doch, oder?

Roland Gerlach

Am Donnerstag, den 28. Februar, starb Roland im Frankfurter Klinikum im Alter von 58 Jahren. Am Samstag den 23.02.2008 brach Roland auf dem Weg von Darmstadt nach Franfurt, wo er das Spiel gegen Bremen wollte, in der S-Bahn zusammen. Der Notarzt brachte ihn zum Krankenhaus, in dem er an dem darauf folgenden Donnerstag verstarb.

Roland war ein Kind der Bundesliga. Seit 1963 hat er kaum ein Pflicht-Heimspiel unserer Eintracht verpasst. Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre begann auch der Besuch der Auswärtsspiele zusammen mit seinem Freund Rolf Rössner. Seine Arbeitslosigkeit in den letzten Jahren sowie auch seine Krankheit (ihm wurden mehrere Zehen am Fuß amputiert ) konnten ihn nicht abholten, bis zuletzt auch die Auswärtsspiele seiner Eintracht zu besuchen. Sein letztes Spiel war das Spiel in Rostock.

Oft war er auf die Unterstützung seiner Freunde angewiesen, die ihm immer wieder mit ein paar Euros aushalfen oder ihn mit dem Bus umsonst mit nach Hause nach einem Auswärtsspiel nahmen.

Die gesamte Kurve trauert um einen Fanikonen der Eintracht. Besonders seine Freunde um den EFC 2000, in dem er Mitglied, war sowie vor allen viele der Älteren werden ihn in guter Erinnerung behalten.

Mach's gut, alter Adler!

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